Gedachtes

Logogerontologie* - der sinnzentrierte Blick auf die zweite Lebenshälfte

Zu all den möglichen Perspektiven auf das Alter, die sich aktuell in unserer Gesellschaft und in den verschiedenen Disziplinen, die sich mit dem Alter(n) beschäftigen, finden (Gerontologie, Geriatrie, Geragogik, Psychogerontologie, Sozialgerontologie, Gerontopsychiatrie,...) ergänzt die logotherapeutische Perspektive einen entscheidenden Blickwinkel:

  • Welche Fragen stellt das Leben dem älter werdenden Mensch?
  • Welchen Fragen sieht sich der Mensch im Älterwerden, welchen im Alter gegenüber?
  • Welche Sinnverwirklichungsmöglichkeiten bieten sich (noch oder gerade) im Alter?

Bei Anselm Grün findet sich der dabei zentrale Gedanke wunderbar formuliert:

"Jeder Mensch wird täglich älter. Das Nachdenken über das Alter ist daher nicht nur für die alten Menschen wichtig, sondern für jeden Menschen. Sein Leben gelingt nur, wenn er sich dem Prozess des Älterwerdens stellt. Altern ist eine Grunderfahrung des Menschen. Über das Alter zu reflektieren ist daher immer auch ein Nachdenken über das Geheimnis des Menschseins an sich." (Anselm Grün 2010: 8)

Der beste Zeitpunkt, sich mit dem eigenen Älterwerden zu beschäftigen ist also immer: genau jetzt. Die Akzeptanz des Alterungsprozesses als natürlich zum Leben Gehörendes, die Auseinandersetzung mit diesem Grundcharakteristikum menschlichen Lebens, mehr noch, der Blick auf das Gelingende macht den Blick frei für Sinnmöglichkeiten und für die Lebensfreude, welche wir in jeder Lebensphase entdecken können.

Die Logogerontologie verknüpft das Wissen der Gerontologie mit dem sinnzentrierten Ansatz Viktor Frankls, der Logotherapie und Existenzanalyse.

Sie bietet einen ganzheitlichen Blick auf die zweite Lebenshälfte und damit eine neue Perspektive für den Umgang mit den gesellschaftlichen wie persönlichen Herausforderungen der zweiten Lebenshälfte oder genauer: der dritten sowie der historisch noch relativ jungen vierten Lebensphase.

Dem Menschenbild Frankls Logotherapie folgend wird der Mensch im logogerontologischen Ansatz als frei angesehen, sich zu den unabänderlichen Gegebenheiten einzustellen und auf dieser Grundlage zu handeln sowie Sinnmöglichkeiten zu verwirklichen.

Folgt man Frankl, so gilt dies bis zuletzt:

„[Sinn] ist allgegenwärtig. Es gibt keine Situation, in der das Leben aufhören würde, uns eine Sinnmöglichkeit anzubieten, und es gibt keine Person, für die das Leben nicht eine Aufgabe bereithielte.“ (Frankl, LasL: 30)

„[D]ie Logotherapie [ist] der Ansicht, dass das Leben sehr wohl einen Sinn hat, - mehr als dies: dieser Sinn ist sogar ein unbedingter. Ihn hat das Leben nicht nur, sondern es behält ihn auch, unter allen Bedingungen und Umständen, und – entgegen dem Sinnlosigkeitsgefühl – ist und bleibt es sinnvoll, bis zu seinem letzten Augenblick, bis zu unserem letzten Atemzug.“ (Frankl, WzS 270)

Auch Dr. Otto Zsok, Leiter des Süddeutschen Logotherapie-Instituts in Fürstenfeldbruck, betont diesen logotherapeutischen Gedanken dezidiert in Hinblick auf das Alter:

"Ich teile wirklich die Überzeugung der Logotherapie, dass das Leben unter allen Umständen einen Sinn hat, den wir zu suchen, zu entdecken und zu erfüllen haben. Es muss auch im höheren Alter Sinn und Glück für uns geben. Es gibt eine Chance des Alters, die meines Erachtens darin liegt, dass der Mensch inwendig, meditativ und kontemplativ wird, ohne die Aktion und das schöpferische Tun zu vernachlässigen. Zur Chance des Alters gehört auch, die Tugend der Dankbarkeit zu entdecken und zu leben [...]." (Zsok 2007: 47)

Die logogerontologische Sichtweise hilft dabei, Sinnmöglichkeiten in der zweiten Lebenshälfte zu erspüren. Sie verführt zur Reflexion des eigenen Wertekanons, zur Sichtung des wirklich Wichtigen.

Die zentrale Bedeutung einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Altersbild, aber auch mit unseren Werten und eigentlichen Sehnsüchten sowie nicht zuletzt mit dem bisherigen individuellen Lebensweg betont auch die Psychologin und Logotherapeutin Dr. Boglarka Hadinger:

"Nach der Befreiung „von“ und den Möglichkeiten „zu“ kommt die Aufgabe „für“. Das fühlt sich fast wie ein innerer Ruf an. Da ist zuerst die Aufgabe für einen selbst. Es geht um die Fragen: Was für ein alter Mensch möchte ich sein? [...] Bin ich bereit, den Blick für größere Zusammenhänge zu entwickeln? Dann kommen Wohlwollen, Frieden, Versöhnung und Weisheit ins Leben." (Boglarka Hadinger in einem Interview mit den Salzburger Nachrichten vom 29.10.2013)

Ein solches Bild des Alter(n)s wäre keines, das wir verdrängen müssten oder wofür wir die Verantwortung an politische Gegebenheiten knüpfen könnten. Ein anderer Umgang mit dem Alter(n) ist möglich – anfangen können wir wie immer: jederzeit und immer bei uns selbst.

* Begriffsklärung:

Logo – geronto – logie

Sinn - Alter(n) - Lehre